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Abschiedsschmerz

Düsseldorf. Januar 2020. Die Vorfreude ist weg. Oder sagen wir so: ich komme gerade nicht ran. Wir waren vor einigen Tagen in Berlin bei meiner Familie und es fällt mir seitdem sehr schwer, mich auf Philly zu freuen. Ich tue es eigentlich, wirklich. Ich freue mich auf die neue Umgebung, auf die neuen Aufgaben und Erfahrungen, auf die gemeinsame Zeit mit dem Krümel, alles gemeinsam zu erleben und entdecken, auf die gemeinschaftlichen Erfahrungen und Entwicklungen mit dem Mann. Aber dass meine Familie weit weg ist, ist mir schon in Düsseldorf schwer gefallen, aber jetzt Amerika? Andauernd frage ich mich: warum mache ich das?

Und heute… ich habe eine Packung Butterkekse über und beschließe meinen Lieblingskuchen aus Kindheitstagen zu machen: Kalter Hund. Ich habe ihn das letzte Mal vor über einem Jahr gemacht nachdem meine Tante mir das Rezept geschickt hatte. Da aber zwischenzeitlich mein Telefon ins Klos gefallen war und ich ein anderes habe, habe ich das Rezept nicht mehr in den WhatsApp-Chats. Und meine Tante ist vor fünf Monaten verstorben. Und ich merke, welche Kleinigkeiten gehen, welche Familientraditionen, welches Familienwissen geht, wenn jemand geht. Und es tut weh. Ich suche Rezepte im Internet und finde eines, das meiner Erinnerung nach dem ähnlich klingt. Ich rufe meine Oma an und sie kann sich, trotz ihrer 94 Jahre, dunkel erinnern. Sie bestätigt, dass sie immer Zucker genommen hat anstatt Traubenzucker.

Ein wenig später essen wir Abendessen. Der Mann ist wieder auf Dienstreise in Philly, meine Schwiegermama ist zur Unterstützung bei mir… und wir machen etwas, was mit meinem Mann selten geschieht: wir essen belegte Brote – in Berlin Stulle mit Brot genannt – zu Abend. Dazu trinken wir schwarzen Tee.

Und auf einmal merke ich, dass der ganze Tag gefüllt ist von meiner Familie und den Kindheitserinnerungen: der kalte Hund, meine Tante, meine Oma, das Abendessen.

Auf einmal habe ich den Duft der Wohnung meiner Großeltern in der Nase… ich spüre die warme Heizungsluft aus der Gasheizung, ich sehe den Mosaik-Tisch, auf dem die Teekanne und die Teller stehen und die Schrankwand, darin der Fernseher, die Gläser und den Krimskrams… und ich spüre, was ich lange nicht mehr spürte: dieses warme, vertraute Gefühl der Liebe und Sicherheit. Mein ganzes Leben, meine ganze Kindheit lagen in dieser Wohnung. Ich lebte dort die ersten zwei Jahre meines Lebens… und dann fast jedes Wochenende, in den Ferien und immer, wenn ich krank war. Selbst als ich mit Mitte zwanzig einmal krank war, war ich eine Woche dort und meine Großeltern pflegten mich. Auf einmal merke ich schmerzlich und so intensiv, wie sehr mir dieser Anker, dieser Ort der Sicherheit, des Rückzugs, die Anwesenheit meiner Großeltern fehlen.

Und ich wünsche mir diese Zeit zurück. Die Schnelligkeit der heutigen Zeit, das Umherfliegen und Umherziehen… die ganze Welt ist ein Dorf… und liebe es und gleichzeitig hasse ich es gerade. Denn warum können wir nicht alle zusammen leben? Einer um die Ecke das anderen? So wie früher, im riesigen Berlin? Und doch so nah. Und wie schön wäre das für den Krümel. Und jetzt? Ziehen wir weg. Auch aus dem „ersten Elternhaus“. Er wird sich an unsere jetzige Wohnung, das Zuhause, in dem er als Baby lebte und so viele Dinge zum ersten Mal gemacht hat, nicht erinnern werden und es mir auf Fotos und Videos sehen. Ein komisches Gefühl, wie ich finde. Und obwohl er noch klein ist und so neugierig und offen und so viel Spaß daran hat, neue Orte und Menschen kennenzulernen, habe ich doch das erste Mal das Gefühl, dass wir ihn „entwurzeln“. Womöglich lässt mich das gerade so stark nach meinen Wurzeln sehnen.

Ich wusste und weiß, dieses ganze Expat-Vorhaben wird toll, aber auch schwierige Tage bringen. Heute ist es einer der letzteren. Aber dennoch zeigt es eines: dass ich mich glücklich schätzen kann. Und dafür bin ich endlich dankbar. Dafür, dass ich so tolle Großeltern habe, dafür dass unser Krümel so tolle Großeltern hat, die er abgöttisch liebt und die alles für ihn tun, und dafür, dass wir so tolle Eltern, Familien und Freunde haben, die wir unendlich lieben und vermissen werden. Denn was hätten wir, wenn wir leichten Fußes ohne Sehnsucht nach jemandem gehen würden, gehen könnten? Eben. Deshalb: Danke für Eure Liebe, die es uns so schwer macht zu gehen. ❤️

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