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Lagerkoller im Anmarsch

Philly. 23. März 2020. Heute fällt mir alles schwerer. Es ist eine ganze Woche vergangen seit dem letzten Beitrag, aber viel weiter sind wir nicht. Nicht bei der Haussuche, nicht beim Einrichten, bei den Amtsterminen oder dem generellen Einleben und Kontakteknüpfen. Die Ausbreitung des Coronavirus und der davon verursachten Lungenkrankheit Covid-19 haben zu einem Shut-Down geführt: Bis auf Lebensmittelgeschäfte sind alle Läden dicht.

Viele Supermärkte wie Whole Foods oder ACME haben in den Morgenstunden Einkaufszeiten für Risikopatienten eingeführt. Außerdem sind in allen Märkten für viele Produkte die Mengen pro Person, die gekauft werden dürfen, beschränkt, weil die Menschen schon seit Wochen Hamsterkäufe vornehmen. Geht man am Nachmittag oder gar Abend einkaufen, ist vieles komplett ausverkauft: Toilettenpapier, Küchenrolle, Tiefkühlprodukte, Milch, Nudeln, Brot. Bei vielen kommen die Mitarbeitet einfach nicht hinterher, es in die Regale zu räumen. Da fragt man sich, ob die Leute nicht mal von allem genug zu Hause haben müssten?! Es ist eine unwirkliche Stimmung. Wir sind eigentlich sehr kommunikative und gesellige Menschen. Nun haben wir seit fast zwei Wochen niemanden mehr getroffen, unterhalten uns nur kurz mit der Dame vom Concierge-Service im Haus, mal mit jemandem im Supermarkt. Immer auf Abstand. Die Spielplätze sind komplett gesperrt. Dem Zwerg fällt langsam die Decke auf den Kopf… und mir auch.

Wenn das Wetter schön ist, versuchen wir, rauszufahren ins Umland, oder zumindest in einen nahe gelegenen Park. Oder wir gehen abends ein wenig um die Blöcke. Aber ich kann die zwar leeren, aber dennoch lauten, Straßen in Downtown langsam nicht mehr sehen. Sie beengen mich. Das einzige Spielzeug beim Spazierengehen für den Krümel: sein Ball. Ball spielen ist deshalb grad hoch im Kurs. Und auch die Regel, im Haus nicht Ball zu spielen, ist bei schlechtem Wetter gerade ausgesetzt. Ich hatte ihm einen Roller bestellt, aber der konnte nicht geliefert werden. Nun haben ich noch einmal woanders einen bestellt. Der hat eine gute Woche Lieferzeit. Die Lieferzeiten, an die wir uns in den letzten Jahren gewöhnt hatten – so von einem Tag auf den anderen oder sogar noch am selben Abend – gibt es hier nicht, oder nicht mehr. Teilweise können Bücher oder andere Dinge, die wir brauchen, da wir nun fast den ganzen Tag zu Hause hocken, erst in drei oder vier Wochen geliefert werden. Frust macht sich breit. Wenn wir doch wenigstens unsere Sachen um uns hätten. Jetzt heißt es, Geduld zu haben. Wer mich kennt, weiß, dass das nicht so meine Stärke ist. Dementsprechend genervt bin ich teilweise. Dann das Kind und der Mann ununterbrochen in der Nähe, kaum Ruhe. Ich gebe zu, dass mich das schon langsam an die Grenzen bringt. Ich habe dadurch auch kaum Zeit, zu schreiben. Dabei geht mir doch so viel im Kopf rum. Macht aber der Zwerg Mittagsschlaf, bin ich erstmal dabei, die Wohnung aufzuräumen, damit mich das Chaos nicht total übermannt. Auch wenn es nur fünf Minuten nachdem er aufgewacht ist aussieht wie vorher. Aber das Problem kennt wohl jede Mutter. Aber so gleicht ein Tag dem anderen. 

Sobald die Sonne scheint, zieht es uns an die frische Luft. Immer auf den gegebenen Abstand bedacht spazieren wir am Schuylkill River entlang, über den Rittenhouse Square, spielen Ball auf der Wiese vor der Independence Hall, fahren zum Fairmount Park. 

Fairmount Park

Bei schlechtem Wetter oder der restlichen Zeit läuft man schnell Gefahr, planlos im Apartment zu sitzen.  Dagegen soll nun eine Ideen- und Planungswand mit Post Its helfen. Damit können wir flexibel zumindest einen ungefähren Plan mit Ideen machen, womit wir uns am Tag beschäftigen. Natürlich läuft das mit einem 2,5-Jährigen nur teilweise, aber allein das anbringen und planen hilft mir, nicht komplett antriebslos abzuhängen. Ein wenig Struktur tut mir und damit auch dem Krümel gut. 


Darüber hinaus haben wir einen Speiseplan für die kommende Woche erstellt, um am Wochenende ein Mal groß dafür einzukaufen. Und nicht wie früher jeden Tag oder jeden zweiten ein bisschen. Wegen Corona sind wir nun bei meinem Kaufverhalten angekommen. Denn mein Mann neigt dazu, nur eine Paprika, einen Apfel und eine Banane zu kaufen. Das endete immer darin, dass ich in den letzten sechs Jahren fast täglich im Supermarkt war. Er hatte ja Recht, dass wir so weniger wegschmeißen. Wir waren aber auch häufig doch unterwegs oder haben unsere Pläne mal spontan geändert. Da machte das Sinn, auch wenn ich es meist ätzend fand. Er geht halt gern Lebensmittel einkaufen. Ich bin da eher der  Zeit und Aufwand sparende  Typ und kaufe mehr, dafür seltener ein. Jetzt sind wir aber fast ausschließlich zu Hause. Essen gehen ist nicht mehr. Maximal liefern lassen, haben wir aber bisher nicht gemacht. Hier sind wir nun bei meinem Modell angelangt. Der Mann nennt es liebevoll „horten“, ist nenne es vorbereitet sein.

Und dann kamen eben die News: Ausgangsbeschränkung. Ab heute 20 Uhr. Uns bleibt also nun auch gar nicht anderes übrig. 

Und obwohl wir auch rausgehen und man dort den ein oder anderen Menschen sieht, habe ich jetzt schon das Gefühl, langsam zu vereinsamen. Als gäbe es nur noch uns drei auf einer Insel. Ja – wir können FaceTimen, ja – wir haben uns, ja – wir haben genug zu essen und ja – es gibt tausende Menschen, denen es schlechter geht, ja – es ist jammern auf hohem Niveau. Nichtsdestotrotz fehlt mir vieles. Der persönliche Kontakt und Austausch. 

Meine Freunde, Familie, Essen gehen, das „alte“ Leben. Und es macht mich traurig. Diese Ungewissheit, wie lange das so weitergehen muss. Zu wissen, es wird ein Ende geben, aber nicht wann und wie. Heute habe ich nicht viel Zuversicht. Aber ich weiß, es werden wieder bessere Tage kommen. Morgen kann schon ein solcher sein. 

8 Kommentare

  • Tine

    Ach Süsse, wenn es Dich irgendwie ein wenig beruhigt, hier ist es gerade nicht anders. Aufeinanderhocken und Null Kontakt zur Außenwelt. Was einen daran so fertig macht ist, dass man auf die Frage „Wie lang noch?“ keine Antwort kriegt, was ja auch klar ist.
    Halte die Ohren steif, bin in Gedanken bei Dir 😘, sitzen da irgendwie im gleichen Boot. Kind hüten, kochen und putzen…die Decke kommt extrem nah….ich versuche mir den Tag mit ein bisschen Sport zu Hause zu versüßen denn einen riesen Kopf zum Lernen hab ich gerade auch nicht 🤦‍♀️.

    Es ist so schön von Dir so viel zu lesen, Danke!! Voll cool, dass wir nicht mehr 12 seitige Briefe schreiben müssen 😂.

    Hab Dich lieb 😘

    • dorfmama

      Hi süße! Geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid. Das ist auf jeden Fall so. Deshalb tut es gut, finde ich, wenn man liest und hört, dass es anderen ähnlich geht. Der Krümel und ich haben jetzt auch Yoga in unsere Morgenroutine mit aufgenommen.
      Auf jeden Fall ist es in der Tat ein riesiger Fortschritt, dass wir schnell, kostengünstig und komplikationslos kommunizieren können. 😂🥰 Hab Dich auch lieb! Bis gaaaaanz bald hoffentlich! 😘

  • Verena

    Hey, Schnuggi … naaaaa, wer hier wohl schreibt? 😀

    Ich zitiere Dich mal: „… Diese Ungewissheit, wie lange das so weitergehen muss. Zu wissen, es wird ein Ende geben, aber nicht wann und wie.“

    Das wichtigste Wort ist das letzte. Wenn Regierungen sagen, dass die Welt danach eine andere sein wird, darf hinterfragt werden, WAS ihnen das Recht gibt, eine so bedeutungsschwangere Aussage zu treffen. Co-Vid ist ein trojanisches Pferd, ich bleibe dabei.
    Dennoch – und auch, wenn Du Dich momentan noch einsam fühlst – bist Du vermutlich auf einer richtigeren Seite. Schaun mer mal, wie die Bayern sagen.

    Der Blog, die Website und alles Drumherum sind super gelungen – riesiges Kompliment. Nadine hat noch nie halbe Sachen gemacht. 🙂
    Ich werde jetzt mindestens täglich hier vorbeischauen und Dir von Herzen ein richtig gutes Leben wünschen. Vergiss nicht unser Treffen in 9 Jahren. Wo auch immer wir dann sind.

    *dickendrücker* meine Kleene :-*

    • dorfmama

      Hi Schnuggi, danke für Dein Lob. <3 Ich hab jetzt eine Newsletter-Funktion eingebaut. Wenn Du Dich anmeldet, bekommst Du Bescheid, wenn es etwas Neues gibt. 😉

  • Julika

    Liebe Nadine, ich fühle so mit dir bzw. euch. Mir reicht es jetzt auch langsam und zu wissen, dass es noch mindestens 2,5 Wochen so weiter gehen wird ist nicht wirklich aufmunternd 🙁
    Natürlich ist es für euch noch einmal eine andere Situation, aber ich kann es sehr gut nachvollziehen wie du dich gerade fühlst. Selbst der tägliche Spaziergang mit der Kleinen nervt mich inzwischen, weil ich es hier alles nicht mehr sehen kann.
    Ich wünsche euch auf jeden Fall viel Durchhaltevermögen weiterhin.
    Und mal abgesehen davon: ein großes Lob für deinen Blog, ich habe jetzt alle deine Beiträge gelesen und sie sind alle so toll geschrieben – man hat fast das Gefühl dabei gewesen zu sein 🙂
    Fühlt euch gedrückt und liebe Grüße :-*

    • dorfmama

      Liebste Juju! Vielen Dank für Deine Nachricht und Dein Lob. Ihr fehlt und und wir freuen uns, Euch – sobald das alles mal überstanden ist – wiederzusehen und zu drücken. Liebste Grüße an die ganze Familie! Passt auf Euch auf und haltet durch!

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