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Glück und Zufriedenheit in Pandemie-Zeiten

Acht Wochen Isolation… oder so ungefähr… habe aufgehört zu zählen. Es gibt immer mehr Sonnentage. Die Haussuche läuft trotz Lock-Down langsam wieder an. Damit ist Veränderung und mehr Freiraum in Sicht. Zeit, mal die emotionalen Täler einmal außer Acht  zu lassen und das Positive an dieser Pandemie-Isolation heraus zu stellen. Ich gebe zu, dass mir das immer noch an vielen Tagen nicht leicht fällt, weshalb ich länger als sonst an diesem Beitrag geschrieben habe, aber es wird immer besser. Und es muss sein. Schliesslich haben wir ein Dach über dem Kopf. Wir sind gesund. Und wir haben genügend Essen. Und noch viel mehr. Da ist es doch wichtig, sich die positiven Aspekte und Gefühle im Leben regelmässig vor Augen zu führen… So trainiert man sein Gehirn, auf das Gute zu achten. Wertschätzung, Liebe, Freude und Dankbarkeit erzeugen Zufriedenheit. Dabei geht es nicht darum, negative Gefühle völlig außer Acht zu lassen. Laut Studien ist das Verhältnis der wahrgenommen Gefühle hier ausschlaggebend: Immer drei Mal mehr wie Du. Dreimal mehr positive Gefühle als negative würden einen Menschen langfristig glücklicher und zufriedener machen (vgl. Barbara L. Fredrickson: „Die Macht der guten Gefühle“). Wer also optimistisch und positiv durch’s Leben geht, wird auch mehr Positives sehen. Ganz im Sinne der Positiven Psychologie. So weit so gut. Doch wie stellt man das am besten an? Man wacht ja nicht auf und schwupps… ist man wertschätzender, achtsamer und zufriedener. Leider nicht. Meistens zumindest. Ich bin eigentlich per se ein sehr optimistischer Mensch. Doch der besondere Stress der vergangenen zwei Jahre hat meinen Optimismus stark getrübt. Und er fehlt mir sehr, mein Optimismus. Also will ich ihn mir wieder holen. Auch, wenn es etwas Arbeit bedeutet.

Schon einige Wochen bevor wir nach Philly abgeflogen waren hatte ich dafür ein Tagebuch der etwas anderen Art angefangen: das 6-Minuten-Tagebuch. Mit drei Minuten Zeitinvestition morgens und drei Minuten abends hilft es einem, positive Gewohnheiten zu etablieren und damit langfristig zufriedener zu werden. So der Plan. Und auch, wenn das leicht und schnell klingt. ich kann Euch sagen: das täuscht. Die Routine aufzubauen und dran zu bleiben, besonders mit einem 2,5-Jährigen zu Hause, ist äußerst schwierig. Deshalb habe ich wohl auch beim ersten Ansatz nicht so lange durchgehalten. Es war noch keine Routine. Nun also Versuch Nummer zwei. Und in dem Zusammenhang meine Liste der zehn positiven Aspekte dieser Isolation:

10 Wochen – 10 Vorteile

1. Kein morgendlicher Stress und Zeitdruck: Einer meiner Lieblingsvorteile. Es ist einfach befreiend. Wir fangen alle früh keinen Wurm. Der Mann nicht. Ich nicht. Der Krümel auch nicht wirklich. Obwohl er als Kleinkind natürlich schon häufig mal um 4.30 Uhr wach war und spielen wollte, ist er normalerweise derzeit nicht vor 8 Uhr wach. Wenn ich früher um 7 Uhr das Haus verließ, schlief er meist mit Papa noch tief und fest. Und so manches Mal musste er geweckt werden, damit er zu spätestens 9 Uhr in der Kita sein konnte. Drama inbegriffen. Umso mehr genießen wir jetzt das Ausschlafen und Kuscheln im Bett bevor es „richtig“ losgeht.

2. Keine Dienstreisen für Papa: Von 100 auf Null… naja, nicht ganz. Also nicht ganz 100. 50. In schlechten Monaten war Papa 50% der Arbeitszeit auf Dienstreise, jeden Monat davon auch in Philly. Dem Krümel fiel es schon sehr schwer, sich erst dran zu gewöhnen, dass Papa weg war, und dann wieder daran, dass er wieder da war und er mich wieder „teilen“ musste. Das viele Reisen war ein Grund, nach Philly zu gehen. Es sollte hier also eh weniger werden. Aber nun? Zero Reisen seit drei Monaten. Das gibt uns viel mehr Familienzeit als bisher. Klarer Pluspunkt!

3. Viel Kuschelzeit: Der Krümel ist schon immer sehr „verkuschelt“. Er umarmt und küsst sehr gern. Derzeit kuschelt er am liebsten Bauch auf Bauch. Das ist ja aber auch wirklich schön. Er liegt dann wie früher als Säugling bäuchlings auf uns. Und da nun immer einer von uns da ist, hört man ihn des Öfteren „KUSSELN“ rufen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir derzeit so viel Zeit haben, dem Kuschelbedürfnis auch nachzugehen. Und wenn mal Mama oder Papa zu langweilig werden, wird Omi am Telefon einfach zum Kuscheln mit ins Bett genommen.

4. Wenig Klamotten-Shopping: Sagte sie, nachdem sie eine große Klamottensendung erhalten (aber das meiste retourniert) hat und dann noch bei Target zwei neue kurze Hosen, ein T-Shirt für den Zwerg und ein paar Latschen für sich gekauft hat. Konnte ja aber niemand ahnen, dass wir so lange ohne unsere ganzen Klamotten sein würden und von 3 bis 28 Grad alles dabei haben würden. Nun ja… dennoch. Ich weiss, wenn ich mit dem Krümel jeden Tag hier bei geöffneten Geschäften spazieren gehen würde, wäre es mir deutlich schwerer gefallen, das Shopping einzugrenzen. Jetzt dauert eine Lieferung aber locker 1,5 bis drei Wochen und die Auswahl im Target oder Walmart ist eher dürftig. Ergo: weniger neue Klamotten. Man könnte zwar argumentieren, dass wir dafür mehr neues Spielzeug als üblich gekauft haben, weil das meiste ja noch weiterhin im Container ist, aber das würde mein Vorteil zerreden, deshalb lasse ich das.

5. Zeit für Aufwendiges: Schnell fettender Ansatz, trockene Haare, juckende Kopfhaut. Ich hatte schon lange vor, meine Haare und Kopfhaut einmal „renaturalisieren“ zu lassen und ohne herkömmliches Shampoo zu waschen. Aber wer sich damit schon einmal befasst hat weiß, das dauert… und es gibt zig Varianten und Shampoo-Alternativen. Aber wann, wenn nicht jetzt? In Isolation, wo man eh kaum rausgeht geschweige denn, andere Menschen trifft. Und für diejenigen, die man im Supermarkt trifft, muss man sich die haare nicht schön machen. Ich hatte mich also ein wenig belesen und versuche nun unterschiedliche Methoden aus. Das ist zugegebenermaßen eine Geduldsprobe für mich. Geduld ist ja nicht so meine Stärke. Sollte ich durchhalten und Ergebnisse kund tun können, werdet Ihr das hier erfahren.

6. Natur und frische Luft: Wir sind auch früher fast täglich und gern rausgegangen. Spazieren, Bäume umarmen, Steine sammeln. Aber das hat jetzt noch mehr an Bedeutung gewonnen. Ich finde, wir gehen mittlerweile anders raus. Wir schätzen die Natur wieder mehr und nehmen sie intensiver wahr. Alleine schon, um etwas Abwechslung ins Spazieren gehen zu bringen, schauen wir uns Blüten, Ameisen und Erde genauer an als früher. Und der Drang nach Natur und Weite ist noch viel größer geworden.

7. Mehr Achtsamkeit: Das fiel mir auf als ich Punkt 6 schrieb. Und es passt zum eingangs genannten 6-Minuten-Tagebuch. (Ganz schön viele Sechsen… da fällt bestimmt jemandem eine Verschwörungstheorie zu ein?!)
Wie auch mit der Natur geht es mir in vielen Bereichen. Weil man mehr – und für manches auch weniger – Zeit hat. Vieles gewinnt, einiges verliert an Bedeutung. Ich nehme Dinge intensiver wahr. Beim Duschen, wenn man die reinigenden Wasserstrahlen auf der Haut spürt. In der Sonne, wenn man mit geschlossenen Augen das Gesicht in dem Himmel streckt und die hellen, wärmenden Strahlen spürt. Wenn der frische Wind durch die Haare weht und einem eine Gänsehaut bereitet. Wenn man sich an vergangene Treffen und Momente erinnert. Wenn dann Gerüche und Gefühle wieder aufkommen. Und dann Dankbarkeit und Sehnsucht. Und wenn man bemerkt, was einem wirklich fehlt, und was man am liebsten direkt machen wollen würde. Dann ist man achtsamer. Das finde ich toll.

8. Gesteigerte Kreativität: Improvisationstalent ist gefragt. Ohne Kita ist viel mehr Beschäftigung als früher angesagt. Und ohne Hausstand ist viel Kreativität gefragt, wenn man nicht ganze Spielzeugabteilungen leer kaufen oder die gesamte You-Tube-Kids-Liste abspielen will. Wir haben unter anderem Gitarren aus Amazon-Pappkartons gebastelt, aus einem stinknormalen Ikea-Bett ein Rutsch-Bett gebaut und aus einer kleinen Tafel und einem Bilderrahmen einen Spiel-Computer gezaubert. Ich denke nicht, dass wir ganz so viel Kreativität unter normalen Umständen an den Tag gelegt hätten. Sicherlich schon ein bisschen, aber nicht so komprimiert. Und jetzt haben wir „Feuer gefangen“… schließlich kann man Kreativität ja auch trainieren. Wir sind jetzt fit… und wollen weiter machen.


9. Regelmäßiger Familien-Schabbat: Endlich mal keine anderen Events oder Reisen oder Vorhaben. Endlich mal mehr als nur einen Schabbat im Monat wirklich feiern. Endlich mal freitagabends zu Hause, mit Zeit zum Kerzenzünden, Challa brechen, Dinieren und Singen. Okay okay… wir haben nicht jeden Freitag eine Challe… daran arbeiten wir noch. Und wir haben in den letzten zehn Wochen einen (glaube ich) Schabbateingang verpasst (a lá „Oh… war gestern nicht Freitag?“). Aber das ist schon deutlich mehr als wir zu Hause geschafft haben, im Alltagstrubel, mit vielen anderen Beschäftigungen. Endlich sind wir da, wonach ich mich schon seit der Geburt des Krümels eigentlich sehne: Freitagabend als Familie beim Schabbat-Empfang. Fehlen nur noch die Freunde und Familie, die ich ursprünglich zum Schabbeseingang immer einladen wollte… aber eins nach dem anderen. da kommen wir sicher auch noch / wieder hin.

10. Last but not least – Keine Kindergarten-Viren: Ein wirklich wichtiger Vorteil. Nach dem allerersten Kita-Winter hatte ich schon Panik vor dem zweiten. Der war zwar etwas besser, aber natürlich ließen auch da Bronchitis, Rotznase und Hand-Fuß-Mund nicht lange auf sich warten. Bis kurz vor Abflug nach Philly hatten wir mit den ein oder anderen Viren zu kämpfen. Nun zehn Wochen ohne auch nur eine laufende Nase (die ja sonst ab meinem Geburtstag im November bis zum 1. Mai Dauer angesagt ist) hätten es ohne Corona-Isolation und Masken wohl nicht gegeben. Allerdings sagt man, das trainiere das Immunsystem. Ich hoffe, wir bekommen nicht im nächsten Kita-Winter die Rechnung…

Welche positiven Seiten seht Ihr in der Isolation? Falls Ihr bis hier durchgehalten habt und Lust habt, Eure Eindrücke zu teilen, würde ich mich freuen, von Euch zu lesen. Hinterlasst einfach einen Kommentar oder schreibt mir an mama@dorfmama.com.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade von Vicky vom Blog FlausenundWunder (Danke für diese tolle Idee), gefunden auf der Facebook-Seite des Blogs Expatmamas.

4 Kommentare

  • Verena

    Ein wichtiger – wenn nicht gar DER wichtigste – Beitrag der letzten Wochen, Schnuggi. Für DICH. Für EUCH. Für das LEBEN. Das einzig Positive aus dieser Corona-Sch*** ist eine Entschleunigung, die man in der Matrix so nie hatte. Und die Erkenntnis, dass es geht. Besser als man glaubt, besser, als andere glaubten!
    Plötzlich ist man nicht mehr ein kleines Schräubchen im großen Zahnrad. Man existiert auch daneben, und das gut. Prioritäten (falls es je welche waren) verschieben sich in eine Richtung, die wir gerne vorher schon gehabt hätten, aber nie setzen durften oder wollten. Hat was von einem Reset ohne Button.

    Die Reduzierung auf den Menschen hätte es einfacher geben können … aber solch komplexe Mechanismen wie aktuelle Machtgefüge kennen nur die Abrissbirne. Feintuning und Kosmetik waren unerwünscht.

    Was sagt uns das? Man kann mit dem Leben nicht verlieren. Nur gewinnen. Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme (mit Angelina Jolie, is ja klar): “ Nichts in unserem Leben ist vorbestimmt. Schicksal ist das, was man daraus macht!“ („Der Knochenjäger“ mit Denzel Washington und La Jolie). Chapeau!
    Wenn Ereignisse, Entscheidungen, Niederlagen eines bewirken, so doch das, dass man daraus lernt. Dass man dem Schicksal den Stinkefinger zeigen kann und auch muss.

    „Wir alle sind auf der Suche nach etwas, das uns längst gefunden hat.“ – Bob Dylan –

  • Mama Mütze

    Ich bin da ganz bei Verena (und natürlich dir, meine Große), für mich das Allergrößte…die ENTSCHLEUNIGUNG.
    Mit einem Mal, keine Verabredungen, Termine, Absagen..ach nee, Zusagen…oder beides… Home Office und keine langen Fahrten zur Arbeit…und dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen (wie sonst, wenn ich zweimal im Jahr Home Office gemcht habe)..und der Mann (wie du es immer so schön schreibst) mit einem Mal zu hause, komplett..24 Stunden…Keine Dienstreisen, kein Dart, kein Volleyball, kein Golf..kein, was auch immer.. Noch vor einem Jahr hätte ich gesagt, das bringt uns zur Scheidung..das gibt Mord und Totschlag und nun…es klappt besser denn je….wir spielen plötzlich Canasta und Rommy, wir unterhalten uns…wir kochen, wir sind uns öfter einige (!!!) und er geht Gartenprojekte an, wo ich dachte, das wird nie was 😉 Ok, ihm ging es anfangs gar nicht gut, um nicht zu sagen, sogar sehr schlecht..da hab ich mir schon Gedanken gemacht..aber auch das führte zu der mega Entschleunigung und ich hoffe und werde dafür kämpfen, das davon auch was nach der Krise bleibt. Kaum gehen die Zahlen runter, kommen die ersten Anfragen… „seid ihr zuhause, wir möchten vorbeikommen“, „wann machen wir die geplante Radtour“, „wann besucht ihr uns?“ und so weiter…da heißt es jetzt AUFPASSEN! Und ich werde mir einen Tag Home Office behalten..werde es einfach durchziehen,,,mal schauen, wann mein Chef auf mich zukommt 🙂
    Und hier nun noch einer meiner Lieblingszitate: „Es kommt nicht darauf an, wie eine Geschichte anfängt. Auch nicht darauf, wie sie aufhört. Sondern auf das, was dazwischen passiert.“ -Walter Moers-

    • dorfmama

      Danke Mama, danke Verena! ihr habt sehr recht. Und ich muss sagen, seitdem das Wetter hier sehr viel besser geworden ist und wir mehr rausgehen, fällt mir auch gar nicht mehr so häufig auf, was mir hier bisher fehlte: meine ganzen Bastelsachen zum Beispiel. Der Krümel redet zwar immer noch häufig von den ganzen Dingen, die noch im Container sind, aber sie fehlen nicht mehr so dringend. Und ich habe mich daran gewöhnt, dass die Küche nicht so gut ausgestattet ist, man immer wieder Dinge direkt abwaschen muss oder anders kochen, weil es nur einen riesigen und einen mittelgrossen Topf gib, keine Suppen-Schüsseln sondern nur tiefe Teller, etc. Das nervt mich kaum noch. Und das ist auch schön zu erleben, dass man sich daran gewöhnt, mit weniger klarzukommen und es einen nicht unglücklicher macht. Viel wichtiger sind Natur, frische Luft, Bewegung, gemeinsame Familienzeit.
      Da fällt mir die eine Anekdote ein von unserem Bad Schandau-Urlaub mit Gitti: es gab in der Ferienwohnung keine Suppenkelle, aber wir hatten einen großen Topf chinesischer Süss-Sauer-Scharf-Suppe gekocht. Wir haben dann letztendlich eine Tasse genommen, um die Suppe raus zu schöpfen. Ging auch und hat im Nachhinein immer wieder für Lacher gesorgt. 🙂

  • Vicky

    Hi liebe Nadine,

    vielen Dank für Deine lieben Worte und Deinen wundervollen Beitrag zu diesem Thema. Ich wünsche Euch, dass Ihr bald aus Eurer Übergangs-Wohnung ausziehen und in Eurer neuen Heimat, Philadelphia, durchstarten könnt.
    Die Möglichkeit im Ausland zu leben ist einfach fantastisch und wenn sich alles so langsam beruhigt, werdet Ihr eine unvergessliche Zeit erleben. Bald spricht Euer Krümel fließend Englisch, wart´s nur ab 😉 Unser Großer ist bald 3 und plappert uns auf drei Sprachen zu (neben Deutsch und Englisch auch noch Mandarin). Da steig´ mal einer durch…

    Ganz liebe Grüße aus Singapur, Vicky

    https://flausenundwunder.com/leben-anderswo/

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