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Americans First

South Philly. Ende Mai 2020. Vorhin habe ich noch gedacht: „Worüber kann ich nur schreiben? Irgendwie ist nicht viel passiert. Oder zumindest nichts, worüber man jetzt schon schreiben könnte.“ Und schwupps, schon sorgt der Blog-Gott für ein Erlebnis, das förmlich danach schreit, geteilt zu werden. Weil es mich so beschäftigt. Weil da so viel mehr drin steckt als einfach das, worüber ich mich jetzt aufregen werde. Aber das ist dann ein anderer Post.

Von konservativem Rollenverständnis und anderen Passangelegenheiten

Wir sind gerade in einer Gegend, in der wir sonst nicht einkaufen, unterwegs. Gegenüber ist ein ACME-Supermarkt. Wo wir nun schon mal hier sind – denken wir – können wir auch schnell dort noch in der Alkohol-Abteilung etwas Bier und Wein kaufen. Also Masken rauf und rein. Es scheint ein recht neues Gebäude zu sein, auch wenn die Gegend hier ist nicht die schönste Seite Phillys ist. Aber wir wollen ja „nur schnell“ Alkohol kaufen. So schlendern wir nun durch die Gänge. Der Mann in der Nähe der Kasse beim Bier, ich im hinteren Teil in der Weisswein-Abteilung – auf der Suche nach unserem neuen Lieblings-Riesling „Kung Fu Girl“, der Krümel stampft fröhlich singend zwischen Papa und Mama umher. Plötzlich höre ich ein raues „Hey Miss“. Der Kassierer hat gerufen. „Meint der mich?“ denke ich noch und drehe mich zu ihm um. Ich zeige auf mich und frage verwirrt „Ähm.. sorry…me?“ Er nickt und macht eine heran winkende Geste. Ich gehe unsicher hin. Sein Ton und die zusammen gekniffenen Augen lassen nichts Gutes erwarten. Was habe ich falsch gemacht, frage ich mich direkt. Hat der Krümel was gemacht? Aber der ist ja da vorn in Kassennähe bei meinem Mann, also was will er von mir? Während ich auf ihn zu komme fragt er schon rau: „Why is your kid not wearing a mask???“ – Warum mein Kind keine Maske trägt…? „Ähm, naja, er ist ja erst 2. Erstens passt ihm keine normale Krankenhausmaske wie wir sie haben, zweitens würde er sie nicht so lange aufbehalten, drittens sind die Textilmasken, die wir an zwei verschiedenen Stellen bestellt haben – inkl. einer Kindermaske – seit vier Wochen mit der Post unterwegs, und viertens: er ist 2!“ versuche ich zu erklären. Ich merke die Wut in mir aufsteigen. Weniger darüber, dass er diese Frage gestellt hat oder der Meinung ist, dass der Krümel auch eine bräuchte, sondern mehr über die Art und Weise, WIE er mit mir spricht und darüber dass er mit MIR spricht. War doch mein Mann die ganze Zeit in seiner Nähe unterwegs und ganz offensichtlich – weil mehrfach laut „PAPA!“ genannt und in Interaktion mit dem Krümel – gehört er auch zu „the kid“. Also warum mich aus der hinteren Ecke rufen? Ach ja… sorry… mein Fehler, ich bin ja die Mutter. Die, die für das Kind verantwortlich ist. Dafür wie es sich verhält und wie es rausgeht, was es an hat, usw.
Ich fühle mich angegriffen. Ich fühle mich diskriminiert.

Zum Glück ist mir das in meinem Leben bisher noch nicht so oft passiert. Und ich bin auch nicht sehr leicht mit sexistischen Witzen oder frauenfeindlichen Sprüchen zu erschrecken. Nach 10 Jahren Kneipengastronomie in meiner Jugend bin ich da echt abgehärtet. Aber das hier, das trifft mich gerade. Sehr.

Mein Mann springt ein. Er bedankt sich – wunderbar deeskalierend – bei dem Herrn für seine Sorge und den Hinweis, aber leider hätten wir die Möglichkeit nicht, unserem Sohn eine Maske aufzusetzen und es gäbe auch seitens der Vorschriften keine Notwendigkeit. Ich frage mich, wie mein Mann so ruhig bleiben kann. Aber die Gegenseite hakt nach: „Mein Sohn ist 3. Er trägt auch eine. Jeder hier im Laden muss eine tragen.“ Ich überlege noch, ob ich ihm erkläre, dass ein Zweijähriger nicht mit einem Dreijährigen gleichzusetzen ist, aber da haut er schon den nächsten raus. Abermals an mich gerichtet schnaubt er: „Wie können Sie es verantworten, Ihr Kind hier SO rumlaufen zu lassen?“… und wieder bin ich in der Verantwortung für’s Kind. Ich bin wie erstarrt, stammele weiterhin meine Argumente, fühle mich schlecht. Warum muss man so respektlos und aggressiv mit anderen Menschen sprechen? Warum muss man Frauen so behandeln? Warum kann ich nicht einfach freundlich angesprochen werden und friedlich einkaufen? So wie sonst bisher überall woanders auch? Auch ohne Maske für den Krümel? Ich ärgere mich. Auch über mich selbst. Dass ich das überhaupt nicht ihm gegenüber artikuliere, dass ich ich sein Verhalten sexistisch finde. Dass ich ihn nicht direkt frage: „Warum fragen Sie nicht meinen Mann? Der ist bei uns für die Erziehung zuständig!“ Früher wäre mir sowas schneller eingefallen. Wahrscheinlich ist es aber auch die Sprachbarriere. Mein Englisch ist zwar sehr gut, aber mit Masken und genuscheltem Slang muss ich mich doch meist sehr konzentrieren, alles zu verstehen.

Mein Mann versucht die Diskussion aufzulösen und meint, wir wären ja gleich fertig und würden uns schnell entscheiden und wieder gehen. Ich verstehe immer noch nicht, wie er so ruhig bleiben kann. Wir suchen schnell alles zusammen, was wir wollten. Mir ist der Appetit auf Bier und Wein vergangen. Ich will hier nur schnell raus. Und bräuchte eher einen Wodka. Wir beeilen uns und wollen bezahlen. Also mein Mann. Ich habe mich vom Kassierer abgewandt und kümmere mich – so wie es sich für mich gehört – um den Krümel. Der hat nicht viel mitbekommen und sucht sich weiterhin fröhlich bunte Bierflaschen aus: „Mim nehmen!!!“

Doch schnell bezahlen ist nicht. Sein Problem mit Frauen scheint nicht das einzige Problem mit anderen Menschen zu sein. Unsere fremde Sprache? Unsere etwas andere Art uns zu kleiden? Unsere fremde Herkunft? UNsere Religion? Was es genau ist, man weiss es nicht. Und wird es auch nicht erfahren. Aber es befeuert das Gefühl der Diskriminierung.
Er schaut meinen Mann grimmig an und verlangt als Legitimation seines Alters (ob er schon 21 sei) seine „State ID“. Den Ausweis des Bundesstaates Pennsylvania. Oder einen amerikanischen (Pennsylvanian) Führerschein. Geduldig, aber langsam nun auch genervt, erklärt mein Mann, dass wir aufgrund des Corona-Lockdowns und der deshalb geschlossenen Ämter noch keine Pennsylvanian Driving License haben, aber er ihm den offiziellen deutschen Ausweis und Führerschein gern zeigt. Das wird ab und an angefragt. Ist ja auch kein Problem. Hat bisher auch völlig ausgereicht. Hier natürlich nicht, klar. Der beständig unfreundliche Herr zeigt auf ein Schild hinter ihm, das besagt, dass nur State IDs, State Driving Licenses und aktuelle Pässe akzeptiert werden. Ohne die deutschen Dokumente eines Blickes zu würdigen fängt er an, die Bier- und Weinflaschen, die wir kaufen wollten, in die Regale zurück zu stellen und meint: „Dann kauft Ihr hier nicht.“ Jetzt reicht’s auch meinem Mann: er bittet den Kassierer, den Store Manager zu rufen. Mit den abschliessenden Worten „Ruf ihn doch selber“ bekommen wir dann den verbalen Fusstritt und entschliessen uns zu gehen. Und nie wiederzukommen. Also nie. NIE.

Beim Weg raus fragt mein Mann noch an der Service-Kasse, welche Dokumente zur Alterslegitimation genutzt werden könnten, und erklärt, dass wir derzeit keinen amerikanischen Führerschein bekommen könnten. Er ist mittlerweile auch sehr verärgert, wenn auch anders und nicht so tief getroffen. Als Mann hat er diese Feinheit in der Ansprache, die mich so trifft, gar nicht so wahrgenommen. Aber die Mitarbeiterin kann oder will nicht wirklich weiterhelfen und den Kollegen (bloss)“stellen“. Ich spüre ein kurzes Zucken in mir. Den Drang, mich bei ihr über ihren Kollegen zu beschweren. Aber mir fehlen noch immer die Worte. Und ausserdem ist da dieses leise Gefühl, diese Unsicherheit, tief drinnen… Vielleicht bin ich selbst Schuld? Vielleicht hätten wir dem Krümel doch schon angewöhnen müssen, eine Maske, einen Schal oder sonst irgendwas vor seiner Nase und seinem Mund zu tragen? Vielleicht hätte ich dafür Sorgen müssen, dass er zumindest eine hat? Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht? Vielleicht hat er ja Recht? Und anstatt mich lauthals und öffentlich über sein Verhalten, seinen Ton und seinen Umgang mit anderen Menschen zu beschweren, habe ich ein schlechtes Gewissen. DAS ist wirklich ärgerlich.

2 Kommentare

  • Julika

    Wahnsinn, da wird man ja schon wütend beim Lesen 🤬 ich finde nicht, dass du was falsch gemacht hast. Das klingt ja eher nach jemandem, der entweder einen ziemlich bescheidenen Tag hatte oder grundsätzlich einfach ein A****loch ist🤦‍♀️ und dass dich sowas aufregt kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich kann es auch überhaupt nicht leiden, wenn man so nach Schubladen-Denken und gefühlt unfair behandelt wird.
    Ärgere dich dennoch nicht so sehr darüber, am Ende ist der Typ es auch nicht wert.

  • CE

    hallo liebste nadine,

    du hast mE nix falsch gemacht aberdermann hat schon viele fehler begangen und auf seinem weg zum glück erkennt er, dass es zu spät ist … und zwar immer wieder neu und immer dann, wenn es zu spät ist …

    ärgere dich nicht über den armen teufel … er muss sich selbst jeden tag ertragen … du hingegen bist umgeben von liebe … selbst für blinde sichtbar … stay wild and happy!!!

    und nein, ich bin nicht religiös … aber karma gibt es überall 😉

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