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Living the Dream

Gerade war ich bei meiner Osteopathin. 40 Minuten Behandlung, nur für mich. Ich geniesse diese Zeit für mich sehr. Ist sie doch in Corona- und Expatzeiten sehr rar. Nun bin ich auf dem Rückweg. Alleine im Auto. Himmlisch. Dazu läuft Alanis Morissette. Ich liebe es einfach, alleine Auto zu fahren. Schon immer. Aber hier noch viel mehr. Die Behandlung hat mich unglaublich entspannt. Ich beiße nicht, wie sonst ständig, meine Zähne zusammen – dem Stress der To-Do-Liste in meinem Kopf Körperlichkeit gebend. Auch meine Zunge wird nicht unter dem Druck des Alltags an den Gaumen gepresst. Ich beiße nicht auf meinen Lippen. Ich bin einfach nur entspannt. Und fühle mich wie ein mal auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt. Wie neu geboren. Und auf einmal sehe ich viel klarer. Alles scheint so nah, so wirklich. Nichts rauscht einfach nur vorbei wie sonst so oft. Ich nehme auf einmal viel mehr wahr. Und auf einmal liegt es so offen vor mir: die Schönheit dieses Landes und das Glück, für eine Zeit hier leben zu dürfen. Ganz klar und frei von quälenden Gedanken sehe ich die Straße vor mir. Wie in einem Film: hügelig schlängelt sie sich durch den Wald. Diesen riesigen Wald. Vorbei an typisch amerikanischen Häusern. Einige davon sind riesig. Also wirklich riesig. Sechs, sieben oder noch mehr Schlafzimmer und mindestens genauso viele Bäder sind da sicher drin verbaut. Überhaupt ist hier alles so viel größer. Die Häuser, die Grundstücke, die Autos, die Insekten, die Supermärkte, die Verpackungen… diese Weite und Größe ist wirklich faszinierend. Ich genieße diese räumliche Weite sehr. Dieses Gefühl von Freiheit. Es gibt mir Raum zum Atmen. Und im Haus genug Raum, alles Kleinigkeiten zu „verstecken“. Wahrscheinlich werden die USA auch deshalb so oft mit Freiheit assoziiert. Weil hier einfach alles „Platz hat“.



Die kleine Raupe Nimmersatt…


Oft sieht man von den Häusern aber auch nur einen Teil. Sie liegen etwas im Wald versteckt. Manche erahnt man nur. Lediglich die unverwechselbaren Briefkästen lassen einen wissen, dass sich dort – die Auffahrt hinunter, hinter den vielen großen Bäumen – ein Haus befindet. Vor fünf Jahren waren mein Mann und ich zur Hochzeit seiner Cousine das erste Mal gemeinsam in den USA, in Rhode Island. Diese Straßen und Briefkästen kannte ich vorher nur aus dem Film. Ich war zwar im Jahre 2000 schon mal in New York, aber mehr hatte ich von diesem Land nicht gesehen. Damals stellte ich mir vor, wie es sein muss, in einem solcher Häuser zu leben. Ob das nicht irgendwie gruselig wäre, wenn außer dem Nachbarn hinter den Bäumen und der unendlich langen Straße einen nichts mit der Zivilisation verbindet. Und dennoch reizte es mich. Denn Stadtkind durch und durch hatte ich doch als Kind viel Zeit auf dem Waldgrundstück meiner Großeltern verbracht… und es geliebt. 



You’ve got mail…


Nun lebe ich hier, in einem Haus im Wald. Nicht ganz so versteckt, aber auch mit typischem Briefkasten. Und irgendwie fühlt es sich an vielen Tagen im Alltagsstress gar nicht so besonders an wie ich eigentlich dachte. Im Lockdown, in einer Pandemie, ohne Familie und Freunde, mit Heimweh… da geht Vieles einfach unter. Leider. An einigen Tagen aber, so wie heute, ist es etwas ganz Besonderes. Da wird einem klar, wie „unnormal“ es ist, das als Nicht-Amerikaner erleben zu können. Da fährt man „einfach nach Hause“, die Straße entlang, überwältigt von dem vielen Grün. Denn oh Mann… es ist hier soooo grün. Also unglaublich grün. Und ich kann mich nicht satt sehen. Und auf einmal stellt man fest: Man lebt gerade seinem Traum, einmal in einem Pick-Up durch die USA zu seiner Farm zu fahren. Mit Cowboy-Hut. Okay, wir haben keine Farm, und keinen Pick-Up. Und für Cowboy-Hut ist es bei 36 Grad und 90% Luftfeuchtigkeit viel zu warm. Aber wir haben ein Haus. Und – ganz amerikanisch – einen SUV. Und Ihr könnt mich jetzt hassen oder nicht: ich liebe ihn, den SUV. Wer mich kennt weiß, dass ich schon immer gern große Fahrzeuge gefahren bin. Wenn‘s nun schon nicht mehr – wie früher – der 7,5-Tonner sein kann, und auch kein Pick-Up, dann doch wenigstens ein SUV. Und ein bisschen Traum muss ja noch übrig bleiben. Wer weiß… vielleicht schaffe ich es ja doch noch zu einer Farm und einem Pick-Up, irgendwann, irgendwo. 😉 




SUV Mommy

5 Kommentare

  • BettyLu

    Hallo Tine, ich habe deinen Blog gelesen und freue mich über deine Bilder und Erzählungen. Geht es euch gut? Die Medien berichten von steigenden Coronazahlen und in einigen europäischen Nachbarländer gibt es wieder Maßnahmen zur Einschränkung einer größeren Fallzahl an Neuinfektionen. Ich lebe ebenfalls in einer ländlichen Gegend (Burbach), habe eine erwachsene Tochter und arbeite als Lehrerin im Krankenhaus. Über verschiedene expat Blogs erfahre ich über das Leben im Ausland.
    Deine Worte berühren mich sehr😊 Ich denke ein Neubeginn in einem fremden Land ist nicht einfach und in Zeiten der Coronapandemie eine wahrhaft nervenaufreibende und große Herausforderung für die gesamte Familie. Bleibt gesund und verliert nicht das Ziel aus den Augen 😉
    Ich freue mich auf weitere Beiträge, bis bald
    Bettina aus Karlsruhe

    • dorfmama

      Liebe Bettina, vielen Dank für Deine Nachricht. Uns geht es soweit gut. Die Zahlen steigen hier in Pennsylvania auch, aber da die Lockerungen nur sehr vorsichtig eingeführt wurde, hält es sich im Rahmen. Ich habe die letzten Wochen sehr viel gearbeitet und bin deshalb leider nicht zum Schreiben neuer Blogposts gekommen. Ab nächste Woche wird sich das wieder ändern. Es gibt im Expat-Leben so viel zu erzählen. 🙂 Ich freue mich, dass Du daran Teil hast. Liebe Grüße aus Philly!

    • dorfmama

      🙂 Nein, meine Name ist Nadine. Macht aber nichts. Meine beste Freundin Tine und ich wurden früher auch schon immer für Schwestern gehalten. <3

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