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Freude am Shoppen

Man denkt ja immer, dass hier in den USA alle so unwahrscheinlich freundlich sind und einem in den Popo kriechen, wenn man in den Laden kommt. Oder ein Gespräch mit einem anfangen. Das ist nicht zwingend so…. oder sagen wir: hier nicht. Oder nicht überall. Denn während man unserer Erfahrung nach dieser Vorstellung in Kalifornien sehr nahe kommt, ist man hier in Städten wie Philly und New York eher weit weg davon. Im privaten mit der Nachbarin klappt das super. Man kann stundenlang über das Leben quatschen, bis der Mann abgenervt in den Garten kommt und fragt, ob man gedenkt, irgendwann auch wieder reinzukommen. Aber in den Geschäften oder im alltäglichen geschäftlichen Kontakt ist es eher weniger anzutreffen. Am Anfang war ich noch etwas geschockt, aber als alte Berlinerin habe ich mich recht zügig an die hier oft herrschende schlechte Laune und den rauen Ton im Kundengespräch gewöhnt. Immerhin hatte ich es auch beim Look-and-See-Trip letztes Jahr im September schon ein wenig wahrgenommen. Was nicht heißt, dass ich mich nicht trotzdem jedes Mal aufrege, wenn ich bei der Post, am Empfang beim Arzt oder im Klamottenladen ignoriert oder nur halbherzig und unfreundlich bedient werde. Meine absolute Lieblingssituation ist ja, wenn ich etwas an der Kasse gefragt werde, hinter einer Plastikscheibe, mit Maske vor dem Gesicht, kaum hoch schauend und auf Englisch nuschelnd. Nun behaupte ich, ganz gut Englisch zu sprechen und zu verstehen. Aber da steige auch ich aus. Also frage ich nach. Es wird wieder genauso undeutlich in die Maske gebrabbelt. Hä? Wieder nichts verstanden. In meinem Kopf schiessen alle englischen Worte umher, die dem Gebrabbel ähnlich klingen, und ich versuche auszumachen, was ich wohl gefragt worden sein könnte. Ich frage zurück. Nein, falsch. Wieder Gebrabbel. Wieder mein fragender Blick. Und dann denke ich und möchte schreien: „Dein Ernst jetzt? Du merkst doch wahrscheinlich, dass ich Ausländerin bin und Dich so nicht verstehe. Kannst Du nicht einfach mal hochschauen und Deine Frage langsam und deutlich wiederholen?“ Nichts. Nach dem dritten Mal Nachfragen antworte ich in diesen Fällen meist einfach „Hmm… no… thank you.“ Klappt auch meistens. Vielleicht liegt das aber auch wieder nur speziell an der besonderen Pandemie-Situation. Dass die Menschen so angepisst sind. Dass sie durch ihre Maske nur so brubbeln und sonst eigentlich gut zu verstehen sind. Womöglich klinge ich durch meine Maske genauso schrecklich nuschelig?!

Manchmal frage ich mich, was an meinen Wahrnehmungen und Erfahrungen wirklich mit der Gegend und Kultur, dem Land (bzw. dem teil des Landes) zu tun hat und was mit der Pandemie, aber von mir als „landestypisch“ verkannt wird. Na vielleicht finde ich das im kommenden Jahr noch raus… schauen wir mal. Aber was uns andernorts oft fehlt – der Service, das Freundlichsein; einfach das Gefühl, das der Gegenüber einem gern weiter hilft und seinen Job mag – wird uns in Supermärkten vielfach entgegen gebracht. Schon des Öfteren haben wir überglücklich den Trader Joe’s, Whole Foods oder Sprouts Farmers Market verlassen, weil wir so zuvorkommend, großzügig und freundlich behandelt wurden, dass es uns einfach nur hoch erfreut hat. Und das waren jedes Mal Situationen, die in Deutschland mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so gelaufen wären. Hier zwei unserer Geschichten:


Wir sind bei Sprouts Farmers Market. Ein Bio-Supermarkt. Der Mann will Radieschen kaufen. Einfach, schnöde Radieschen. Das Fach ist leer. Daneben liegen doppelt so teure „bunte“ Radieschen in dunkel-lila, lila, hell-lila, weiß. Der Mann möchte aber nicht doppelt so viel für bunte Radieschen ausgeben. Er will ja nur einfach lilafarbene. Also fragt er einen Mitarbeiter, ob es vielleicht noch einfach irgendwo im Lager gibt. Der geht schauen. Als er zurück kommt entschuldigt er sich freundlich, aber sie hätten keine einfachen mehr. Weil er aber verstünde, dass das eine sehr wenig zufrieden stellende Situation ist, möchte er uns gern entgegen kommen. Ohne diskutiert zu haben macht er uns das Angebot, die bunten Radieschen zum Preis der einfach zu erwerben. Wir nehmen dankend an und er geht extra noch zu den Kassierern, um denen Bescheid zu sagen. Wir sind überglückliche Kunden.


Ein anderes Mal bei Trader Joe‘s. Wir haben lange vor dem Fleisch- und Fischsortiment verbracht. Sollen wir ein Steak mitnehmen? Wenn ja welches? Und wie viel? Oder doch lieber kein Fleisch? Wir wollten ja weniger Fleisch essen. Mein Gatte kann eh schon Stunden im Supermarkt verbringen. Er geht einfach am liebsten Lebensmittel shoppen. Das ist an sich super, weil wir immer leckere Sachen zu Hause haben und er toll kocht. Aber bei Trader Joe’s an der Fleischtheke wird’s immer kritisch. Zum einen, weil er sich nur schwer entscheiden kann, zum anderen, weil sie am Ende des Rundgangs ist. Das heißt, dass der Krümel JETZT die Geduld verloren hat und nur noch jammert „Mama, Kasse gehen!“, nicht mehr laufen will, aber auch nicht in dem Einkaufswagen sitzen, weil er weiß, dass das zu einfach für uns ist. Und weil der Krümel die Geduld verliert, verliere ich sie dann auch. Denn ich muss ihn ja tragen. Ich säusele dann, so ruhig wie möglich bleibend – immerhin ist es ja wirklich nicht die coolste Beschäftigung für einen Dreijährigen – „Papa ist gleich fertig.“ Das stimmt natürlich nicht. Das weiß auch der Krümel. Und irgendwann höre ich mich nur noch zum Mann sagen: „Ist gut! Nimm den! Den Fisch! Ja super! Und los!“. So auch dieses Mal. Wir stehen als dann irgendwann an der Kasse. Auf einmal stellt der Mann fest, dass er vergessen hat das Steak zurück zu legen. Wir haben also nun den Gulasch, den Fisch und das Steak. Er bittet den Verkäufer, das Steak zurück zu buchen. Der macht das auch ohne Murren und mit einem Lächeln. Dann scannt er weiter die restlichen Produkte und packt sie ein. (Hier wird ja für einen eingepackt… ich liebe das ungemein!)


Ich glaube, er merkt, dass die Stimmung etwas angespannt ist. Wir schauen alle etwas mürrisch drein. Da winkt er meinen Mann etwas näher zu sich, zeigt auf das Steak, das er beiseite gelegt hatte, flüstert etwas und packt es einfach mit in unsere Einkaufstüte. Er schenkt und das Steak… einfach so. Und mit dieser Geste dazu noch ein Lächeln und den Familienfrieden.

Und manchmal bekommt man da auch einfach eine Rose geschenkt. Einfach so. Da freut sich dann besonders die Mama… <3

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