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Wenn alles nur noch dunkel ist

7.30 Uhr. Ich müsste aufstehen. Aber ich kann nicht. Der Krümel ist wach und sagt alle 20 Sekunden „Mama! Mama aufstehen! Mama!“ Der Mann ist schon im Bad, muss gleich in seinen ersten Call. „Ja, gleich.“ Raune ich den Krümel angestrengt zu. Ich weiß, dass er „gleich“ nicht versteht. Und auch, dass es mir gleich nicht besser gehen wird. Weitere fünf Minuten liegen bleiben hilft nicht. Aber ich kann nicht. Ich habe keine Kraft. Durch das Deckenfenster sehe ich die Baumäste leicht hin- und her schwingen, von der Frühlingssonne warm angestrahlt. Das Wetter ist schön. Ich liege in einem großen Bett in einem tollen Haus. Der Kühlschrank ist voll und meine Familie gesund. Ich habe viele Freunde und keine Finanzprobleme mehr. Einen liebevollen Ehemann und ein wundervolles Kind. Ich sollte und könnte glücklich sein. Nein, ich müsste, denke ich bei mir. Aber alles fühlt sich so dunkel an. Und kalt. Ich denke an meine Familie, zu Hause in Deutschland. Sie fehlen mir. Schrecklich. Aber selbst das Vermissen fühle ich grad nicht. Ich weiß, wie es sich anfühlt. Ich weiß, es ist da. Die Traurigkeit ist da. Die Sehnsucht. Aber ich fühle sie grad nicht. Ich fühle grad gar nichts. „Wieder so ein schrecklicher Tag“, denke ich. Und dabei weiß ich gar nicht warum. Der Krümel ruft wieder „Mamaaaaa! Bitte vorlesen!“ Und dann passiert‘s. Die ganze Leere füllt sich mit Wut. Und ich schreie den Krümel an. Völlig unberechtigt. Völlig unnötig. „Mama kann jetzt nicht! Wir sind schon zu spät! Wir haben keine Zeit! Zieh dich endlich an!“ Ich bin laut. Alles in mir zieht sich zusammen. Meine Gesichtsmuskeln verkrampfen. Ich beiße meine Zähne aufeinander. Am liebsten würde ich etwas kaputt machen. Ich schmeiße ein Kissen, weil ich weiß, dass ich die Aggression loswerden muss. Mir schiessen jede Menge Gedanken durch den Kopf: Warum kann er mich nicht EIN MAL in Ruhe lassen? Warum kann er nicht einfach alleine in seinem Zimmer spielen und mich in Ruhe aufstehen lassen? Warum immer „Mama“ und nie “Papa”? Warum zieht der Mann ihn heute nicht mal an? Sieht er nicht, dass es mir schlecht geht? Warum muss ich immer alles alleine machen? Warum kann mir hier keiner helfen? Hört mich denn niemand? Sieht mich niemand? Versteht mich denn niemand? Ich will doch nur alleine sein. Nur für mich. Mich einschliessen in einer Hütte weitab aller Zivilisation. Ohne Druck, ohne Stress, ohne Verantwortung. Einfach nur da liegen. Nicht aufstehen müssen. Nichts müssen. Nur schlafen. – Es ist fast als könnte ich mich von außen beobachten. Ich sehe angsteinflössend aus. Fremd. Ich erkenne mich selbst nicht. Der Krümel weint und schreit auch. Nichts geht mehr. Ich muss raus. Ich gehe aus dem Zimmer und schmeiße die Tür. Ich weiß, ich habe den Krümel schrecklich unfair behandelt. Ich fühle mich schuldig. Ich bin eine schlechte Mutter. Mein Kind muss Angst vor mir haben. Ich habe ihn „verlassen“. Ihn einfach stehen lassen. Ich breche in Tränen aus, gehe zurück und umarme den Krümel. Es tut mir so leid. Ich kann mich nur schwer kontrollieren. Die Gefühle stürmen nur so auf mich ein. Wie ein Wolkenbruch ergiessen sich Schuld, Wut, Trauer, Verzweiflung in meinen Kopf und durch meinen ganzen Körper. Ich versuche klar zu bleiben, tief durchzuatmen. Fünf Mal tief ein- und ausatmen. Ich knie mich vor ihn. Bitte ihn um Entschuldigung und versuche ihm mit seinen 3 Jahren zu erklären, dass es „Mama heute nicht so gut geht. Mama ist traurig.“ Die Gefühle in mir kämpfen. Ich fühle mich zerrissen und gleichzeitig leer. Ich will nur die Augen zu machen und schlafen. Nur schlafen. Bis das Ganze wieder vorbei ist. 

So oder so ähnlich sahen acht bis zwölf Tage jedes weiblichen Zyklus für mich die letzten Monate aus. Fast die Hälfte meines 26-tägigen Zyklus ging es nur ums „Überleben“. Nur darum, dass der Tag schnell und mit möglichst wenig Tränen und Geschrei vorüber geht.

Diese Kämpfe mit dem Krümel und in anderer Form mit meinem Mann ziehen sich dann mehr oder weniger durch die ganze zweite Zyklusphase. Und nicht mal Musik hilft. Sonst meine Therapie. Egal wie es mir sonst geht, Musik hilft mir, die Emotionen zu erleben, zu bearbeiten, zu überwinden. Oder sie zurück zu holen, wenn ich sie „nicht mehr finden kann“. Wenn ich das Gefühl habe, meinen verstorbenen Freund oder meine Tante zu vergessen. Wenn es mir schwer fällt, mich an die Trauer zu erinnern, sie aber nicht verlieren will, weil sie mich doch mit ihnen verbindet, dann reichen normalerweise Lieder, die ich mit ihnen verbinde, um die Gefühle wieder hervor zu rufen. Das Lied der Beerdigung meiner Tante. Das Lieblingslied meines Freundes, das er wollte das ich zu seiner Beerdigung singe, ich es aber nicht konnte. Diese Lieder sind dann Therapie und Trost. Um einmal kurz wieder richtig zu trauern, auch zu weinen. Danach geht es mir besser. Und so kann ich auch positive Emotionen wecken: mit dem Lied meiner Hochzeit, der Musik aus Israel, Musik aus Urlauben, Lieder, die ich mit Freunden verbinde, oder einfach Lieder mit Texten und Melodien, die mich berühren und bewegen. Liebe, Hoffnung, Dankbarkeit, Glück, Zufriedenheit, Sehnsucht, Lust. Alles steckt für mich in Musik. Aber auch das geht dann nicht. Ich mache die Musik an und nichts geschieht. Ich komme nicht an die Emotionen ran. Sie sind verschlossen. Die Musik läuft und ich habe nicht mal das Gefühl mitzutanzen. Auch nicht zu weinen. Nichts. Ich kann mich auch nicht konzentrieren. Bin müde. Angespannt. Bekomme nichts geschafft. An Arbeiten ist nicht zu denken. Das füttert den Druck, die Angst, das Minderwertigkeitsgefühl, die Depression: „Nichts kann ich. Ich schaffe nicht mal diese eine Aufgabe durchzuziehen. Ich kann einfach nichts richtig. Alle anderen sind besser. Ich bin nicht mehr wie früher. Ich bin nicht mehr lustig. Nicht mehr spaßig. Nicht mehr eloquent. Nicht mehr engagiert und belastbar. Ich mag mich nicht.“ Wie ein Mantra – zugegeben ein sehr schlechtes – fliegen diese Gedanken durch meinen Kopf. Wie Werbebanner, die hinter einem Flugzeug hergezogen werden, sehe ich sie immer wieder vor meinem inneren Auge vorbeiziehen.  


PMDS. PräMenstruelle Dysphorische Störung. So heisst das Krankheitsbild, unter dem epidemiologischen Studien nach zwischen 3 und 8 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter leiden. Ich wurde durch einen Gesundheitspodcast darauf aufmerksam und erkannte mich wieder. Völlig gebannt lauschte ich den Ausführungen und Erklärungen der Ärztin von der Gynäkologischen Psychosomatik am Uniklinikum Bonn. Aus ganz Deutschland kommen Frauen wegen ihrer Beschwerden zu ihr. „Das bin ich! Sie redet von mir!“ schoss es mir wie ein Blitz in den Kopf.

Ein Zyklustagebuch hilft bei der Dokumention und Einschätzung der Symptomatik vor der Diagnose und auch während der Behandlung. Auf Basis dessen kann der Arzt zusammen mit der Betroffenen bestmögliche Therapieansätze erarbeiten und der Therapieerfolg gemessen werden. Ich habe bisher sechs Zyklen dokumentiert und einen wunderbaren Gynäkologen gefunden, der sich nicht nur ganzheitlich mit meinen Beschwerden und meinem Gesundheitszustand beschäftigt, sondern sich auch über seine schon vorhandenen Kenntnisse hinaus informiert und weiterbildet, um mir die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Zusammen haben wir schon nach kurzer Zeit erste deutliche Therapieerfolge erzielen können. Ich bin froh, dass ich ihn gefunden und diesen Schritt gewagt habe.

Es fiel mir nicht leicht, diesen Text zu schreiben, die Emotionen in Worte zu fassen. In der richtigen Stimmung zum Schreiben zu sein. Es hat mehrere Wochen gedauert, aber es ist mir wichtig, die Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse zu teilen. Und sie bildlich zu beschreiben, damit auch diejenigen, die sie nicht erleben müssen, einen Eindruck davon bekommen, wie gewaltig sie sind. Wie dramatisch. Wie einschneidend im Leben der Betroffenen.
Außerdem ist das Tabu, über psychische Störungen zu sprechen, noch viel zu groß. Zu viele Frauen werden mit ihren Beschwerden nur mit „Die hat halt ihre Tage“ abgestempelt.

Mai ist in den USA Mental Health Awareness Month (Monat des Bewusstseins für psychische Gesundheit). An der Zeit also, das Tabu weiter aufzubrechen. Psychische Erkrankungen sollten als das anerkannt und gesellschaftlich gesehen werden, was sie sind: medizinische Beschwerden und Krankheiten, die einer Therapie und ärztlicher Unterstützung bedürfen. Genauso wie Rückenschmerzen oder andere Erkrankungen. Und gerade jetzt, in Zeiten dieser Pandemie, treten psychische Beschwerden vermehrt auf. Viele von uns kennen sie also. Viele leiden darunter. Viele leben mit Ihnen. Ich gehöre dazu.

Wenn auch Du Deine Geschichte oder Erfahrungen mit mir teilen möchtest, freue ich mich über ein Kommentar oder eine private E-Mail. #ifeelyou

English version -> that way!

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