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Look And See

Newark, NY. September 2019. Wir sind in New York gelandet und sitzen im Air Train zur Amtrak Station. Ich habe belastende Monate hinter mir: erster Kita-Winter des damals 1-Jährigen, 80 Seiten Bachelor-Thesis, dazwischen ein Teilzeit-Job und ein Mann auf häufigen Dienstreisen, schlussendlich noch ein sehr emotionaler, plötzlicher Verlust einer Familienangehörigen. Ich bin durch, mega durch. Muss raus und brauche Urlaub.


Da kam das Angebot von der Chefin meines Mannes grad Recht: wie wäre es mit einem Auslandsaufenthalt? Zwei Jahre Philly… das wäre doch was?
Also begleiten wir ihn auf dieser Dienstreise. Ein Look-And-See-Trip. 

Aus dem Fenster sehe ich die Skyline von Manhattan. Es ist mein vierter Besuch in New York. Zwar fahren wir zunächst direkt weiter, aber dieser Anblick befreit mich von all den bedrückenden Emotionen und Ängsten der letzten Monate. Ich habe das Gefühl, einmal wieder frei atmen zu können. Fühle die Weite in meiner Brust. Die Größe dieser Stadt, die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten und das Gefühl von Freiheit faszinieren mich jedes Mal. Ich bin gespannt auf Philly. Ich war noch nie dort und kenne es nur durch Bruce Springsteen und Tom Hanks. 

Wir steigen um in den Zug nach Philadelphia. Man schimpft ja oft über die Deutsche Bahn, aber eines weiß ich jetzt schon zu schätzen: die Möglichkeit, Sitzplatzreservierungen vorzunehmen. Das gibt‘s in den USA nicht. Wir drängen uns also mit zwei Koffern, einem Buggy und einem 2-Jährigen durch einen überfüllten Zug… das war’s dann direkt wieder mit meinem Freiheitsgefühl. 

Eine Stunde später kommen wir völlig fertig nach 12 Stunden Reisezeit an der 30th Street Station in Philly an. Eine Bahnhofshalle wie im Film empfängt uns. Ich erwarte eine typisch amerikanische „Downtown“, Hektik, lauten Verkehr, Hochhäuser, enge Straßen… aber es sieht ganz anders aus: Obdachlose – ja,  Hochhäuser und enge Straßen – nein.

Es sind 30 Grad Celsius und super schwül. Ich merke eine merkwürdige Enttäuschung in mir aufsteigen. Ich fürchte, es hier nicht zu mögen. Was, wenn dieses Gefühl anhält? Was, wenn ich die Stadt nicht mögen werde? Was, wenn aus der Auszeit und dem Abenteuer nichts wird? 

Wir checken in dem nahe gelegenen Hotel ein. 36. Etage. Der Ausblick und die Ferienwohnung sind toll… aber diese Stadt? Ich bin müde, sehr müde… und will einfach nur ins Bett. 

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