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Von Wut und Sehnsucht

Sieben Wochen Philly. Fast acht. Eigentlich war geplant, dass wir jetzt in unser neues Heim einziehen. Wir würden all unsere Sachen und das Spielzeug vom Krümel auspacken. Würden unsere Bilder aufhängen, Regale einräumen, das Kinderzimmer einrichten, den Balkon oder Garten bepflanzen. Ein richtiges Zuhause schaffen. All das ist nun auf unbestimmte Zeit verschoben. Und immer öfter fehlt mir mein Optimismus. Kein Zuhause, kein Garten, keine Kraft mehr. Mir fehlt Zeit für mich. Mir fehlt Zeit als Paar mit meinem Mann. Mir fehlt unsere Familie. Mir fehlt Zeit mit Freunden. Mir fehlt Zeit zum Arbeiten. Mir fehlt intellektueller Austausch. Mir fehlt Sonne und frische Luft. (Hier regnet es an fünf von sieben Tagen, keine Besserung in Sicht.)

Und mir fehlen all unsere Sachen. Ja, wir haben Einiges neu gekauft. Und manchmal habe ich auch das Gefühl, dass schon wieder ziemlich viel Kram hier rumliegt. Aber wir haben versucht Doppelungen zu vermeiden (bis auf den Roller, davon haben wir dann mal später zwei). Und irgendwie fehlt mir trotzdem immer noch Einiges. Mein ganzes Bastelmaterial, meine Klamotten, Krümels Kinderstaubsauger, seine Gitarre, sein Traktor, sein Tisch, seine Feuerwehrausrüstung, seine ganzen Bücher. Er fragt unentwegt nach den Dingen, die in irgendeiner Halle hier in Philly im Container eingelagert sind. Auch, wenn ich weiß, dass die ganzen Sachen die sozialen Kontakte nicht ersetzen können, denke ich, mit den vertrauten Besitztümern wäre es leichter. Aber vielleicht ist das auch ein Trugschluss. Schließlich ist es für alle anderen, die in ihrem Zuhause isoliert sind, genauso schwierig. Oder nicht?

Die Gefühle fahren Achterbahn. An einem Tag bin ich zuversichtlich: Ich sehe uns im Sommer im Garten unseres Hauses sitzen und mit Freunden Kaffee trinken. Ich sehe uns mit meinen Eltern durchs vorweihnachtliche Philly spazieren und diese tolle Stadt und wunderschöne Umgebung zeigen. Ich weiß, meine Mama wird’s lieben. Dann freue ich mich unendlich darauf und kann es kaum erwarten. Und dann schlägt sie zu: die Angst. Die Angst, die nächsten zwei Jahre keinen Besuch bekommen zu können. Die Angst, zwei Jahre in dieser Wohnung verbringen zu müssen. Die Angst, die zwei Jahre nicht wie geplant eng mit der amerikanischen Familie verbringen zu können. Die Angst, vorzeitig zurück zu müssen. Die Angst, dass unsere zwei Expat-Jahre nicht verlaufen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Ohne neue Freunde, ohne Familie, ohne Garten.

Und dann diese Angst, was das mit unserem Krümel macht. Er war die letzten Wochen in einem enormen Entwicklungsschub. Er singt, spricht alles mögliche nach, geht auf die Toilette, duscht alleine, will alleine raus Ball spielen, überhaupt will er alles alleine machen. Schon in einem normalen Rahmen sind die Kids von den ganzen neuen Dingen, die sie können uns fühlen, oft überwältig und werden bockig oder wütend, weil sie erst lernen müssen, damit umzugehen. Und das nun in einer Situation, wo nur Mama und Papa den lieben langen Tag nerven und häufig „nein“ sagen. Ich habe mich und den Krümel an vielen Momenten in den letzten zwei Wochen nicht wieder erkannt. Ich habe geweint, geschrien, war wütend und verzweifelt. Wir haben zusammen Kissen geschmissen und gestampft. Was macht das mit meinem Kind? Was macht das mit mir? Was macht das mit unserer Beziehung? Ich war bisher wenig besorgt um unseren Erziehungsstil, da ich der Meinung war, dass wir das super hinkriegen und unser Bestes tun, nach dem Bauchgefühl, dem Mutterinstinkt und unserem gesunden Menschenverstand gepaart mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, den Bedürfnissen unseres Kindes weitestgehend nachzukommen. Perfekt ist man nie, aber das ist auch nicht das Ziel. Und jetzt? Zweifle ich immer öfter an allem. An mir, an meiner Erziehung, an meinen Reaktionen, an meinen Gefühlen. Fördere ich ihn genug? Kann ich ihm in der Isolation das geben, was er für eine gute Entwicklung braucht? Und es tut mir leid. Unendlich leid. Ich würde gern so viel geduldiger und spaßiger und innovativer sein. Denn eigentlich meistert er das alles doch super. Er ist doch eigentlich meist noch so fröhlich und lustig. Aber ich mag oft nicht mehr spielen. Ich mag nicht mehr singen. Ich mag nicht mehr alles 27 Mal erklären. Ich mag nicht mehr nur Mama sein.

Und dann er: der Mann. Der Fels in der Brandung, dem allen Anschein nach alles nicht so emotional zusetzt wie mir. Er ist auch genervt, ihm fehlt auch seine Familie, ihm fehlt auch ein Zuhause, unsere Freunde. Aber komischerweise merkt man es ihm viel seltener an. Er tröstet mich, wenn ich auf dem Klo heule. Er übernimmt den Krümel, wenn ich laut und ungeduldig werde. Er bringt ihn zum Lachen, wenn ich traurig bin. Er baut mit ihm in seiner Arbeitspause Papierschiffe, wenn mir keine Beschäftigung mehr einfällt. Er (der er sonst immer gemeckert hat, wenn ich mal ein Glas trinke) gießt mir ein Glas Wein ein während er das Abendessen kocht. Und wenn ich sonst auch manchmal (er würde wahrscheinlich sagen oft) über ihn schimpfe, bin ich doch sehr glücklich und dankbar, dass wir ihn haben. Dass wir eine Familie sind.

Seit einigen Tagen sind die kleinkindlichen Wutanfälle wieder um Einiges besser geworden. Dennoch reagiert der Krümel oft enttäuscht darauf, wenn ich ihm sage, dass wir etwas nicht haben oder nicht dürfen und Vieles gerade nicht geht. Mehrmals täglich muss ich Wünsche wie „Opi Omi fliegen“, „Baba gehen“, „Vicky Arm“ (umarmen) , „ICE fahren“, Pielplatz gehen“ oder „Slange gucken“ abschlagen. Er kann keinen ganzen Satz sagen, aber die Sehnsucht und Enttäuschung spricht aus den paar Brocken, die er sagen kann. „Mama, Mim Kita gehen, besser.“ war letze Woche unser emotionaler Tiefpunkt. Wie soll er das auch verstehen, mit 2? Ob und was diese Situation mit ihm und all unseren Kindern macht, werden wir – wenn überhaupt – erst in vielen Jahren verstehen.

Was machen wir also nun? Einfach weiter. Wie ein Hamster im Rad. Einfach funktionieren. Einen Tag nach dem anderen. Und nehmen, was kommt. Uns unterstützen, wo es nur geht. Unser Bestes geben. Und schon morgen kann die Sonne scheinen und ein schöner Tag werden, trotz Isolation. Ja, die gibt es. Wenn auch derzeit etwas seltener. Aber Online-Kids-Yoga, Pflanz-Aktion, Ausflüge in den Wald, Parkspaziergänge halten uns emotional über Wasser und bringen immer wieder Lichtblicke. So lange, bis das Ganze endlich bergauf geht und vielleicht – hoffentlich – in einigen Wochen wieder etwas soziales Leben zurück bringt.

12 Kommentare

  • Jeanny

    Meine Liebe, würde euch alle drei jetzt gerne in den Arm nehmen. ❤️
    Es ist eine schwierige Zeit. Ich hoffe es wird bald wieder besser. Lass dich nicht unterkriegen.

    • dorfmama

      Liebste Jeanny, wir drücken Euch soooooo fest und vermissen Euch! Dank Euer aller Unterstützung und Zuspruch werden wir das weiterhin gut meistern und positiv nach vorne schauen. Wir freuen uns schon jetzt auf ein Wiedersehen. <3

  • Marguerite

    Liebe Nadine-
    Ich lese deine berührenden Zeilen und denke an den Film von Bellini-„das Leben ist schön“…
    es ist so gut dass du das alles aufschreibst-auch für später wenn euer Krümel sich an die Zeit erinnern möchte als ihr drei solange so exklusiv zusammen gelebt habt. Viel Kraft und Geduld und natürlich Gesundheit!

    • dorfmama

      Vielen Dank, liebe Marguerite. Das Schreiben hilft mir in der Tat jetzt schon sehr. Und ich bin gespannt, wie wir in eineigen Jahren da raufschauen. Liebe Grüße nach Berlin

  • Julika

    Liebe Nadine, ich schicke euch ganz viel Kraft und hoffe, dass sich die Situation schnell wieder bessert für euch :-*
    Verliere nicht den Mut und haltet durch. Fühle dich gedrückt❤️

  • Verena

    Ach, Schnuggi … extrem emotionaler Beitrag, und doch in jeder Silbe nachvollziehbar. Auch, dass man ein schlechtes Gewissen hat. Dass man unzufrieden ist. Dass man an Grenzen stößt, die man selbst nicht gebaut hat. Erdulden, anpassen, akzeptieren fällt schwer – erst recht unter den gegebenen Umständen.

    Verzweiflung und Sehnsucht gehen Hand in Hand, und sie gehören manchmal dazu. Glaub mir, ich weiß, was ich sage. Aktuell ist der Überlebensmodus, einen Tag nach dem anderen irgendwie rumzukriegen, das mit Abstand Schlimmste, was Euch mit so vielen, großen Plänen zustoßen konnte.

    Aber … und das ist wichtig: es ist eine Krise, ja. Sie geht an keinem spurlos vorbei. In solchen Zeiten gewinnt man Erkenntnisse, die man in guten niemals bekommt. Sinn und Wertigkeiten werden kristallscharf und helfen, Dinge zu kanalisieren, das wirklich Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Eine (sehr wichtige) Erkenntnis hast Du bereits: dass es gut ist, Deinen Mann mit seiner Ruhe zu haben. Auch oder gerade in solchen Zeiten brauchen wir Menschen, die uns erden, die uns blind verstehen.

    Ganz egal, wie das alles ausgehen wird: es wird gut. Und wenn Ihr das gemeinsam überstanden habt, kann Euch eigentlich nichts mehr etwas anhaben. Krisen und außergewöhnliche Umstände sind nichts, was man sich aussucht. Aber sie lehren und stärken für’s Leben. Nicht allen gelingt das. Aber denen, die es schaffen, nähert sich eine völlig neue und gute Zukunft. Auch Dir | Euch.

    Sieh’s mit Humor –>
    Wenn jemand an meinem Grabstein stünde, würde ich sagen „Guck nich so doof, ich läge jetzt auch lieber am Strand!“ 😀

    • dorfmama

      Hahaha, Verena Du Liebe. Du hast so Recht. Vielen Dank für Deine Worte! Und für Deinen Humor. Der hat uns schon so oft durch Krisen gerettet.Und er hilft auch dieses Mal. <3

  • Gyöngyi Michels

    Liebe Nadine,

    ich wünsche euch jeden Tag ein paar mehr Lichtblicke …haltet durch!!
    Ganz liebe Grüße aus Alabama, auch erst seit Februar 2020 hier…Gyöngyi Michels

    • dorfmama

      Liebe Gyöngyi,
      vielen Dank. Wir geben alles. Und freuen uns über die mittlerweile viel helleren Tage… sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne.
      Ganz liebe Grüße zurück nach Alabama,
      Nadine

  • Jonna

    Liebe Nadine,
    auch wenn der Text jetzt schon einen Monat her ist, will ich dir dennoch sagen: Du machst das gut und es ist ganz normal (auch ohne Lockdown) sich immer wieder so zu fühlen. Mir ging es in UK vor 15 Jahren auf dem Dorf auch nicht anders, außer dass wir unsere eigenen Sachen hatten von Anfang an. Ich will deine Empfindungen keineswegs relativieren und diese Pandemie fordert von uns allen viel, ich will nur verhindern, dass du dir zusätzlich noch Selbstzweifel aufbürdest. Euer Krümel wird keinen seelischen Schaden nehmen (dachte ich damals auch und habe jetzt so tolle, tapfere Kinder), er spürt eure Liebe und ihr seid das Universum für ihn und bei einer so reflektierten Mama braucht man sich um seine Entwicklung keine Sorgen machen. Es kommen auch wieder andere Zeiten.
    Alles Liebe
    Jonna

    • dorfmama

      Liebe Jonna,
      vielen Dank für Deine lieben und aufbauenden Worte. Zum Glück geht es langsam immer weiter aufwärts und das Gefühlsloch ist erstmal vorbei. Seitdem das Wetter besser ist und wir viel mehr Zeit draussen verbringen können erscheint eh alles freier und leichter. Bei diesen ganzen Aufs und Abs ist es doch immer wieder schön zu lesen, dass man nicht alleine ist und wie andere mit der Situation umgehen. Dein Blog und Deine Facebookgruppe, liebe Jonna, haben uns dabei nicht nur nützliche Tipps sondern auch viel psychologische Unterstützung geliefert. Vielen Dank dafür Dir und allen anderen Expat- und Blog-Mamas.
      Liebe Grüße aus Philly
      Nadine

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